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Digitale Pflegeprozesse · Heiko Mania · Admin · 2 Follower · 05.09.2026 · 743 Aufrufe

Die neue sektorenübergreifende Versorgung könnte die Pflege stärker verändern als die Krankenhausreform selbst

Wenn über die Krankenhausreform diskutiert wird, stehen meist Klinikstandorte, Leistungsgruppen oder die Finanzierung im Mittelpunkt. Fast unbemerkt ist in der vergangenen Woche jedoch eine Entscheidung gefallen, die für die Pflege und die Pflegeinformatik langfristig mindestens genauso bedeutsam werden könnte. Mit der Einigung der Selbstverwaltung über die Finanzierung der sektorenübergreifenden Versorgungseinrichtungen – kurz süV – ist der Weg frei für einen neuen Versorgungstyp, der ab 2027 Realität werden soll.

Auf den ersten Blick wirkt das wie ein weiteres Kapitel der Krankenhausfinanzierung. Tatsächlich könnte hier aber ein Versorgungsmodell entstehen, das die bisher sehr starren Grenzen zwischen stationärer, ambulanter und pflegerischer Versorgung deutlich aufweicht. Genau das macht diese Entwicklung so spannend. Denn während wir seit Jahren über sektorenübergreifende Versorgung sprechen, waren unsere Organisationen, Prozesse und Informationssysteme bislang fast ausschließlich entlang dieser Sektoren aufgebaut. Krankenhäuser arbeiten stationär, Arztpraxen ambulant und Pflegeeinrichtungen nach den Logiken des SGB XI. Der Patient hingegen kennt diese Grenzen nicht. Für ihn beginnt die Versorgung nicht jedes Mal neu, nur weil sich die Finanzierungsgrundlage oder die Organisationsform ändert.

Mit den neuen sektorenübergreifenden Versorgungseinrichtungen wird genau dieses Denken erstmals ernsthaft infrage gestellt. Rechtlich bleiben sie zwar Krankenhäuser mit einem angepassten Versorgungsauftrag. Inhaltlich könnten sie jedoch zu Einrichtungen werden, in denen stationäre Basisversorgung, ambulante Leistungen, Übergangspflege, Kurzzeitpflege und weitere pflegerische Angebote unter einem organisatorischen Dach zusammengeführt werden. Die Selbstverwaltung schafft damit nicht einfach eine neue Finanzierungsform. Sie schafft einen Raum, in dem Versorgungsketten künftig deutlich enger zusammenwachsen können.

Gerade für ältere und chronisch kranke Menschen wäre das ein bemerkenswerter Schritt. Heute wechseln viele Patientinnen und Patienten innerhalb weniger Tage mehrfach den Versorgungssektor. Nach einem stationären Aufenthalt folgt Übergangspflege, anschließend Kurzzeitpflege oder ambulante Versorgung. Mit jedem dieser Übergänge ändern sich nicht nur Zuständigkeiten und Finanzierung, sondern häufig auch die Informationssysteme. Dokumentationen beginnen neu, Assessments werden wiederholt, Medikationspläne übertragen und Daten erneut erfasst. Obwohl sich für den Patienten oft nur der Aufenthaltsort oder die Organisationsform ändert, beginnt im Hintergrund häufig ein neuer Informationsprozess.

Genau an dieser Stelle wird aus einer gesundheitspolitischen Reform plötzlich ein Thema der Pflegeinformatik.

Denn wenn Versorgung künftig tatsächlich sektorenübergreifend organisiert werden soll, reicht es nicht aus, die Organisationsstruktur zu verändern. Es müssen auch die Informationsflüsse diesem neuen Versorgungsverständnis folgen. Ein Blutdruckwert verliert seinen klinischen Wert schließlich nicht deshalb, weil ein Mensch vom stationären Bereich in die Übergangspflege wechselt. Ein Sturzrisiko bleibt bestehen, unabhängig davon, ob sich der Patient gerade auf einer Krankenhausstation, in einer Kurzzeitpflege oder im ambulanten Setting befindet. Mobilität, Ernährung, Schmerz, Delirrisiko oder Pflegeziele begleiten den Menschen über den gesamten Versorgungsverlauf hinweg. Trotzdem behandeln viele Informationssysteme diese Daten noch immer so, als gehörten sie ausschließlich zu einem bestimmten Sektor.

Damit entsteht eine Frage, die in den kommenden Jahren vermutlich an Bedeutung gewinnen wird als viele technische Detaildiskussionen: Welches Informationssystem bildet eine sektorenübergreifende Versorgung eigentlich ab?

Unsere heutige IT-Landschaft ist auf diese Situation kaum vorbereitet. Krankenhausinformationssysteme orientieren sich am stationären Fall. Praxisverwaltungssysteme folgen der ambulanten Logik. Pflegesoftware unterstützt Einrichtungen der Langzeitpflege. Dazwischen existieren elektronische Patientenakten, Kommunikationsdienste, Medikationssysteme und zahlreiche spezialisierte Anwendungen. Jedes dieser Systeme erfüllt seine Aufgabe innerhalb seines eigenen Bereichs durchaus gut. Problematisch wird es jedoch dort, wo Versorgung nicht mehr entlang dieser Grenzen organisiert ist.

Die sektorenübergreifenden Versorgungseinrichtungen könnten deshalb zum ersten echten Belastungstest für die Interoperabilität deutscher Gesundheits-IT werden. Wenn Patientinnen und Patienten innerhalb derselben Organisation zwischen stationären, ambulanten und pflegerischen Leistungsformen wechseln, darf sich dieser Wechsel nicht automatisch in mehrfacher Dokumentation, neuen Akten oder zusätzlichen Medienbrüchen widerspiegeln. Andernfalls hätten wir zwar sektorenübergreifende Versorgung geschaffen, würden aber weiterhin mit sektoral aufgebauten Informationssystemen arbeiten.

Aus Sicht der Pflegeinformatik rückt damit ein Gedanke in den Mittelpunkt, der bislang häufig eher theoretisch diskutiert wurde: Informationen müssen dem Menschen folgen und nicht dem Abrechnungssystem. Genau dafür wurden Konzepte wie strukturierte Gesundheitsdaten und FHIR-basierte Informationsmodelle entwickelt. Ihre eigentliche Stärke liegt nicht in der technischen Schnittstelle, sondern darin, dass Informationen unabhängig vom jeweiligen Versorgungskontext verständlich, wiederverwendbar und semantisch eindeutig bleiben.

Vielleicht wird gerade an den neuen sektorenübergreifenden Versorgungseinrichtungen erstmals sichtbar, warum diese Konzepte so wichtig sind. Denn hier entscheidet sich, ob ein Assessment, eine Pflegediagnose, ein Medikationsplan oder ein Mobilitätsstatus tatsächlich über verschiedene Versorgungsformen hinweg genutzt werden kann oder ob dieselben Informationen immer wieder neu erhoben werden müssen.

Für die professionelle Pflege eröffnet sich daraus gleichzeitig eine neue Perspektive. Während medizinische Behandlung häufig an einzelne Versorgungsepisoden gebunden ist, begleitet Pflege Menschen oft über längere Zeiträume und unterschiedliche Settings hinweg. Pflegefachkräfte beobachten Funktionsfähigkeit, Selbstständigkeit, Ernährung, Kognition, Mobilität und soziale Situation kontinuierlich. Genau diese Informationen gewinnen an Bedeutung, wenn Versorgung nicht mehr in stationäre und ambulante Inseln zerfällt, sondern als zusammenhängender Prozess verstanden wird.

Deshalb könnte die Pflege in sektorenübergreifenden Versorgungseinrichtungen künftig eine deutlich stärkere koordinierende Rolle übernehmen. Nicht, weil sie ärztliche Aufgaben ersetzt, sondern weil sie Kontinuität zwischen unterschiedlichen Versorgungsformen schafft. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass auch pflegerische Informationen endlich als sektorenübergreifende Ressource verstanden werden und nicht länger an einzelne Softwarelösungen oder Organisationsformen gebunden bleiben.

Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Bedeutung der aktuellen Entscheidung. Die Einigung über die Finanzierung der sektorenübergreifenden Versorgungseinrichtungen wirkt auf den ersten Blick wie ein technisches Detail der Krankenhausreform. Tatsächlich könnte sie jedoch dazu führen, dass wir unsere Informationssysteme grundsätzlich neu denken müssen. Vielleicht brauchen wir künftig weniger Krankenhausinformationssysteme, Praxisverwaltungssysteme oder Pflegesoftware im klassischen Sinne und stattdessen gemeinsame Versorgungsinformationssysteme, die unterschiedliche Versorgungskontexte auf einer gemeinsamen Datenbasis abbilden.

Die spannendste Frage der kommenden Jahre lautet deshalb möglicherweise nicht, wie viele sektorenübergreifende Versorgungseinrichtungen entstehen werden. Viel interessanter wird sein, ob es gelingt, erstmals auch die Informationssysteme sektorenübergreifend zu organisieren. Denn erst dann würde aus einer organisatorischen Reform tatsächlich eine digitale Transformation der Versorgung entstehen.

suev

Wie schätzt ihr diese Entwicklung ein? Werden sektorenübergreifende Versorgungseinrichtungen zum Katalysator für echte Interoperabilität oder werden wir erleben, dass neue Versorgungsformen weiterhin auf alten Informationsstrukturen aufbauen?

Dieser Text wurde mit Unterstützung von KI erstellt.

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