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Digitale Pflegeprozesse · Heiko Mania · Admin · 2 Follower · 15.09.2026 · 233 Aufrufe

Die PPBV ist tot. Es lebe … was eigentlich?

Die PPR 2.0 sollte den Pflegepersonalbedarf sichtbar machen und damit einen Beitrag zu einer bedarfsgerechteren Personalausstattung leisten. Nun verschwindet die PPBV. Was bleibt, ist allerdings die entscheidende Frage, die hinter dem Instrument stand: Wie viel professionelle Pflege benötigen unsere Patientinnen und Patienten tatsächlich und wie übersetzen wir diesen Bedarf in eine angemessene Personalausstattung? Vielleicht ist deshalb gerade jetzt der richtige Zeitpunkt, nicht über eine PPR 3.0 nachzudenken, sondern Personalbemessung grundsätzlich neu und vor allem digital zu denken.

Genau darum geht es beim PPBV Digitale Pflege Summit 2026 am 15. Oktober in Berlin. Der Bundesverband Gesundheits-IT (bvitg) bringt Leistungserbringer, Vertreterinnen und Vertreter aus Politik und Selbstverwaltung sowie Verbände und Industrie zusammen, um darüber zu diskutieren, wie eine zeitgemäße Personalbemessung aussehen kann und wie sie von Anfang an digital gedacht werden muss. Das Ziel ist bemerkenswert klar formuliert: Es soll keine neue Bürokratie entstehen, sondern ein tatsächlicher Mehrwert für Pflege und Versorgung.

Ich freue mich sehr, diesen Summit moderieren zu dürfen. Und ich glaube, dass wir uns dafür eine Frage erlauben sollten, die etwas weiter geht als die Diskussion um die bisherige PPBV: Wenn wir heute noch einmal bei null anfangen könnten, würden wir Personalbemessung wirklich wieder so konstruieren?

Die PPR hatte ein Problem. Aber sie machte auch ein Problem sichtbar.

Die Kritik an der bisherigen Umsetzung ist nachvollziehbar. Seit 2024 mussten somatische Stationen die PPR erheben und Daten an das InEK übermitteln. In der Einladung zum Summit beschreibt der bvitg selbst die Absurdität, die dabei teilweise entstanden ist: In einem zunehmend digitalisierten Gesundheitswesen wurde der Pflegebedarf teilweise noch mit Stift und Papier erhoben. Gleichzeitig fand keine inhaltliche Prüfung der Meldungen statt und konkrete Maßnahmen für eine bedarfsgerechte Personalausstattung blieben aus. Aus einem Instrument, das eigentlich zur Lösung eines Problems beitragen sollte, drohte ein neues „Bürokratiemonster“ zu werden.

Mit der Abschaffung des Instruments verschwindet allerdings nicht der Pflegebedarf. Der Personalmangel verschwindet ebenso wenig, die zunehmende Komplexität der Patientinnen und Patienten bleibt und die Frage nach einer angemessenen Personalausstattung wird eher dringlicher als weniger wichtig. Genau deshalb wäre es aus meiner Sicht falsch, die Abschaffung lediglich als Ende einer regulatorischen Episode zu betrachten.

Wir sollten sie als Gelegenheit nutzen, Personalbemessung neu zu denken.

Dabei müssen wir auch eine unbequeme Frage stellen: Warum erzeugen wir für Personalbemessung überhaupt noch eine zusätzliche Erhebungswelt, wenn Pflegefachkräfte bereits einen erheblichen Teil ihres Arbeitstages damit verbringen, Informationen über Versorgung digital zu dokumentieren?

Eigentlich wissen unsere Systeme längst ziemlich viel über Pflege

In digitalen Pflegeprozessen entstehen jeden Tag enorme Mengen pflegerischer Informationen. Assessments werden durchgeführt, Risiken eingeschätzt, Pflegediagnosen und Probleme dokumentiert, Maßnahmen geplant und durchgeführt, Veränderungen des Gesundheitszustandes beschrieben, Mobilität und Selbstständigkeit beurteilt und Vitalparameter erhoben. Hinzu kommen Informationen über Belegung, Qualifikationen, Arbeitszeiten, Dienstplanung und zunehmend Daten aus medizinischen Geräten, Sensorik und anderen klinischen Systemen.

Trotzdem behandeln wir Personalbemessung häufig so, als müssten wir den Pflegebedarf anschließend noch einmal gesondert erfassen.

Aus Sicht der Pflegeinformatik ist das zumindest erklärungsbedürftig. Wenn ein digitaler Pflegeprozess bereits Informationen darüber erzeugt, wie komplex eine Versorgungssituation ist, welche Unterstützung benötigt wird, welche Interventionen stattfinden und welche Ressourcen dafür eingesetzt werden, müsste eine moderne Personalbemessung versuchen, genau diese Informationen zu nutzen.

Die spannende Frage lautet deshalb nicht: Wie digitalisieren wir die PPR? Sie lautet vielmehr: Wie können wir aus ohnehin entstehenden klinischen und pflegerischen Daten belastbare Informationen über Pflegebedarf, Arbeitsbelastung, Qualifikationsbedarf und Personaleinsatz gewinnen? Damit würde sich die Logik grundlegend verändern. Pflegefachkräfte würden nicht mehr dokumentieren, damit Personalbemessung stattfinden kann. Personalbemessung würde zunehmend aus Daten entstehen, die im tatsächlichen Versorgungsprozess ohnehin benötigt werden.

Ein Blick in die Schweiz zeigt, wie anders man denken kann

Genau deshalb wollen wir beim Summit bewusst über den deutschen Tellerrand schauen. Die Schweiz ist dabei interessant, weil dort mit tacs® ein Ansatz etabliert ist, der Tätigkeiten, Personaleinsatz, Zeitaufwand und Leistungen zusammenführt und die daraus entstehenden Daten für Steuerungsentscheidungen nutzbar macht.

Der entscheidende Unterschied zur klassischen deutschen Diskussion liegt für mich weniger in der Software selbst als in der Denkweise dahinter. tacs® erhebt Kennzahlen zu Personaleinsatz, Zeitaufwand und Leistung und wertet diese automatisiert aus. Die daraus gewonnenen Informationen sollen dazu dienen, Abläufe und Ressourceneinsatz anzupassen. Das System berücksichtigt inzwischen außerdem Arbeitsbelastung, Schichtinformationen sowie Skill- und Grademix.

Damit wird eine Dimension sichtbar, die wir in Deutschland stärker diskutieren sollten. Personalbemessung darf sich künftig nicht ausschließlich um die Frage drehen, wie viele Pflegefachkräfte benötigt werden. Ebenso relevant ist, welche Kompetenzen zu welchem Zeitpunkt für welche Patientinnen und Patienten benötigt werden. Ein digital unterstützter Skill- und Grademix kann deshalb perspektivisch ebenso relevant sein wie eine reine quantitative Personalbemessung.

Besonders interessant wird tacs® dort, wo Pflegeprozess und Ressourcensteuerung zusammengeführt werden. Strukturierte Informationen aus dem Pflegeprozess können mit Daten zu Aufwand und Ressourceneinsatz verknüpft werden. Genau darin liegt der eigentlich spannende Gedanke: Zusätzliche Erhebung möglichst zu vermeiden und Daten dort zu nutzen, wo sie ohnehin entstehen.

Das ist wichtig, weil Pflegearbeit eben nicht nur aus der Summe direkt am Patienten dokumentierter Maßnahmen besteht. Übergaben, Koordination, Kommunikation, Anleitung, Ausbildung, Organisation und viele weitere Tätigkeiten binden ebenfalls Ressourcen. Wer Pflegebedarf digital abbilden möchte, muss deshalb aufpassen, nicht nur das besonders gut Messbare sichtbar zu machen und den Rest der Pflegearbeit aus dem Modell verschwinden zu lassen.

TACS ist damit nicht automatisch die Antwort auf die deutsche Personalbemessung. Es ist aber ein gutes Beispiel dafür, dass wir die Frage ganz anders stellen können.

Vielleicht brauchen wir keine PPR 3.0

Vielleicht liegt genau hier die eigentliche Chance nach dem Ende der PPBV. Wir könnten aufhören, zuerst ein neues Personalbemessungsinstrument zu entwickeln und anschließend darüber nachzudenken, wie wir dessen zusätzliche Anforderungen irgendwie in die digitale Arbeitswelt der Pflege integrieren. Wir könnten stattdessen beim Pflegeprozess beginnen.

Welche Informationen entstehen dort ohnehin? Welche davon können strukturiert und interoperabel bereitgestellt werden? Welche Informationen benötigen wir zusätzlich, um tatsächliche Arbeitsbelastung abzubilden? Wie berücksichtigen wir Qualifikationen und Skill-Mix? Wie verbinden wir Patient:innenkomplexität, Pflegebedarf, erbrachte Leistungen und verfügbare Personalressourcen? Und wie können daraus Informationen entstehen, die nicht einmal jährlich in irgendeiner Statistik verschwinden, sondern Stationsleitungen und Pflegemanagement tatsächlich dabei helfen, Personal bedarfsgerecht einzusetzen?

Damit würde aus Personalbemessung zunehmend Pflegesteuerung. Und spätestens hier wird das Thema hochinteressant für die Pflegeinformatik. Denn dafür benötigen wir strukturierte pflegerische Daten, Terminologien und semantische Interoperabilität. Wir brauchen Schnittstellen zwischen Pflegedokumentation, KIS, Personalplanung und Controlling. Wir müssen Daten aus unterschiedlichen Quellen zusammenführen und wir benötigen Modelle, die aus diesen Daten belastbare Informationen ableiten können. Perspektivisch werden dabei auch KI und prädiktive Verfahren eine Rolle spielen.

Aber wir müssen gleichzeitig verhindern, dass aus einer vermeintlich intelligenten Lösung das nächste digitale Bürokratiemonster entsteht. Wenn Pflegefachkräfte zusätzlich dokumentieren müssen, nur damit ein Algorithmus den Pflegebedarf berechnen kann, haben wir wenig gewonnen. Eine gute digitale Personalbemessung müsste Informationen möglichst dort nutzen, wo sie ohnehin entstehen, und daraus einen tatsächlichen Mehrwert für die Versorgung erzeugen.

Genau darüber sollten wir jetzt gemeinsam sprechen

Es gibt darauf noch keine fertige Antwort. Und vielleicht ist gerade das der spannendste Grund, am 15. Oktober 2026 nach Berlin zu kommen.

Der PPBV Digitale Pflege Summit soll ausdrücklich kein klassischer Kongress sein, bei dem vorne einige Menschen Vorträge halten und alle anderen anschließend wieder nach Hause fahren. Nach Begrüßung und Keynote folgen Impulsvorträge, am Nachmittag wird in drei World-Café-Gruppen gearbeitet und anschließend werden die Perspektiven in einer Paneldiskussion zusammengeführt.

Keynote-Speakerin und Schirmherrin ist Katrin Staffler, MdB, Bevollmächtigte der Bundesregierung für Pflege. Ich selbst werde durch den Tag führen und den Summit moderieren. Dabei interessiert mich besonders, ob es uns gelingt, die Diskussion über die bisherige PPBV hinauszuführen. Wir sollten nicht nur fragen, welches Instrument an ihre Stelle treten könnte. Wir sollten diskutieren, welche Informationen eine moderne Personalbemessung überhaupt benötigt, welche davon unsere digitalen Systeme bereits besitzen und wie wir Pflegebedarf, Arbeitsbelastung, Qualifikation und Personaleinsatz künftig intelligenter miteinander verbinden können.

Dafür brauchen wir ausdrücklich unterschiedliche Perspektiven: Pflegefachkräfte und Pflegemanagement ebenso wie Pflegewissenschaft, Gesundheits-IT, Krankenhausträger, Politik, Selbstverwaltung und Verbände. Denn die nächste Lösung darf weder ausschließlich am politischen Schreibtisch noch allein in der IT-Abteilung entstehen.

Berlin, 15. Oktober: Die Einladung steht

Der PPBV Digitale Pflege Summit 2026 findet am 15. Oktober 2026 von 10:00 bis 16:00 Uhr in Berlin statt. Die verbindliche Anmeldung ist bis zum 7. Oktober 2026 möglich.

Ich würde mich sehr freuen, dort möglichst viele Menschen zu treffen, die Pflegepersonalbemessung nicht als notwendiges regulatorisches Übel betrachten, sondern als eine der zentralen Gestaltungsfragen für die Zukunft professioneller Pflege.

Denn vielleicht sollten wir nach dem Ende der PPBV nicht fragen: Welche Verordnung kommt jetzt? Sondern: Wie würden wir Pflegebedarf und Personaleinsatz heute gestalten, wenn wir noch einmal neu anfangen könnten und die Möglichkeiten digitaler Pflege, strukturierter Daten und moderner Pflegeinformatik von Beginn an mitdenken würden?

Die PPBV ist tot. Es lebe … was eigentlich?

Genau darüber möchte ich am 15. Oktober in Berlin mit euch diskutieren. Kommt zum PPBV Digitale Pflege Summit 2026, bringt eure Erfahrungen, eure Kritik und vor allem eure Ideen mit. Denn was nach der PPBV kommt, sollten wir nicht erst diskutieren, wenn die nächste Regulierung bereits geschrieben ist.

Dieser Text wurde mit Unterstützung von KI erstellt.

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