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FHIR & Interoperabilität · Heiko Mania · Admin · 16.08.2026 · 32 Aufrufe

Digital ist nicht vernetzt: Warum die Pflege jetzt Interoperabilität braucht

FHIR entwickelt sich zum Fundament einer modernen Gesundheitsversorgung – und die Pflege muss diese Entwicklung aktiv mitgestalten.

Wenn über Digitalisierung im Gesundheitswesen gesprochen wird, dominieren derzeit Themen wie Künstliche Intelligenz, Robotik oder die elektronische Patientenakte die Diskussion. Kaum eine Konferenz, kaum ein Strategiepapier und kaum ein Hersteller kommt noch ohne diese Schlagworte aus. Gleichzeitig entsteht jedoch der Eindruck, dass wir die eigentliche Voraussetzung für all diese Innovationen aus den Augen verlieren. Denn bevor eine KI fundierte Entscheidungen unterstützen kann oder Daten sektorenübergreifend verfügbar werden, müssen digitale Systeme überhaupt in der Lage sein, dieselben Informationen zu verstehen. Genau daran scheitern heute noch viele Digitalisierungsprojekte.

Das eigentliche Problem: digitale Datensilos

Das eigentliche Problem besteht längst nicht mehr darin, dass zu wenige Daten vorhanden wären. Im Gegenteil: Pflegeeinrichtungen, Krankenhäuser und ambulante Dienste erzeugen täglich enorme Mengen an digitalen Informationen. Dennoch verbringen Pflegefachpersonen nach wie vor viel Zeit damit, Daten mehrfach zu dokumentieren, Informationen zwischen verschiedenen Anwendungen zu übertragen oder fehlende Informationen telefonisch nachzufragen. Digitalisierung hat vielerorts analoge Medienbrüche lediglich durch digitale ersetzt. Die Daten existieren – sie bleiben jedoch in den Systemen eingeschlossen, in denen sie entstanden sind.

Pflege ist längst ein Datenberuf

Dabei ist gerade die Pflege einer der größten Produzenten gesundheitsrelevanter Informationen. Pflegefachpersonen beobachten den Gesundheitszustand von Menschen kontinuierlich, dokumentieren Veränderungen, führen Assessments durch, planen Interventionen und bewerten deren Wirksamkeit. Diese Informationen bilden häufig die Grundlage für therapeutische Entscheidungen und sind für die Kontinuität der Versorgung unverzichtbar. Trotzdem werden pflegerische Daten in vielen IT-Systemen noch immer eher als Dokumentation verstanden denn als eigenständige Ressource für die Versorgung. Das führt dazu, dass ihr Wert weit unter ihren tatsächlichen Möglichkeiten bleibt.

Interoperabilität macht aus Daten nutzbare Informationen

An dieser Stelle beginnt die eigentliche Bedeutung von Interoperabilität. Häufig wird der Begriff auf den Austausch von Daten reduziert. Tatsächlich geht es um deutlich mehr. Interoperabilität bedeutet, dass unterschiedliche Systeme Informationen nicht nur übertragen, sondern sie auch fachlich identisch interpretieren können. Ein dokumentiertes Sturzrisiko, eine Pflegeplanung oder ein Assessment müssen unabhängig davon dieselbe Bedeutung haben, ob sie in einer Pflegeeinrichtung, einem Krankenhaus oder der elektronischen Patientenakte angezeigt werden. Erst wenn dieses gemeinsame Verständnis vorhanden ist, entstehen durchgängige digitale Prozesse anstelle isolierter Einzellösungen.

Warum FHIR dabei eine Schlüsselrolle spielt

Genau hier setzt FHIR – Fast Healthcare Interoperability Resources – an. Der von HL7 entwickelte Standard schafft eine gemeinsame Sprache für Gesundheitsinformationen und entwickelt sich zunehmend zum internationalen Fundament moderner Gesundheits-IT. Sein eigentlicher Wert liegt dabei weniger in der technischen Spezifikation als in der Standardisierung fachlicher Inhalte. Wenn unterschiedliche Softwaresysteme dieselben Informationsmodelle verwenden, müssen sie Informationen nicht mehr individuell füreinander übersetzen. Statt proprietärer Schnittstellen entsteht eine offene Architektur, in der Daten herstellerübergreifend ausgetauscht und weiterverarbeitet werden können. Für Softwareanbieter reduziert sich dadurch die Komplexität von Integrationen, für Einrichtungen steigen Investitionssicherheit und Zukunftsfähigkeit.

Was FHIR für die Pflege verändert

Für die Pflege eröffnet diese Entwicklung eine Chance, die weit über effizientere Dokumentation hinausgeht. Erstmals können pflegerische Informationen strukturiert, standardisiert und sektorenübergreifend verfügbar gemacht werden. Pflegeanamnesen, Assessments, Pflegeziele, Maßnahmen oder Evaluationen bleiben damit nicht länger innerhalb einer einzelnen Fachanwendung eingeschlossen, sondern werden zu einem integralen Bestandteil der digitalen Versorgung. Damit verändert sich auch die Rolle der Pflege. Pflegerisches Wissen wird sichtbar, maschinenlesbar und kann künftig von klinischen Entscheidungsunterstützungssystemen ebenso genutzt werden wie von KI-Anwendungen oder wissenschaftlichen Auswertungen.

Interoperabilität ist eine Managemententscheidung

Diese Entwicklung macht gleichzeitig deutlich, dass Interoperabilität kein reines IT-Thema ist. Wer heute in neue Software investiert, entscheidet nicht nur über Funktionen oder Benutzeroberflächen, sondern über die digitale Handlungsfähigkeit einer Organisation für die kommenden Jahre. Die Frage, ob ein System offene Standards wie FHIR unterstützt, wird damit zu einer strategischen Managemententscheidung. Anwendungen, die Informationen nur innerhalb ihrer eigenen Systemwelt verarbeiten können, schaffen neue Abhängigkeiten und begrenzen zukünftige Innovationen. Offene Standards hingegen ermöglichen es, neue Lösungen schrittweise zu integrieren, ohne bestehende Investitionen infrage zu stellen.

Mit dem Ausbau der elektronischen Patientenakte, der Telematikinfrastruktur und dem zunehmenden Einsatz Künstlicher Intelligenz gewinnt diese Diskussion zusätzlich an Dynamik. Denn KI wird ihren Nutzen nur dann entfalten können, wenn sie auf strukturierte, qualitativ hochwertige und interoperable Daten zugreifen kann. Schlechte Daten werden auch durch die beste KI nicht besser. Interoperabilität ist deshalb keine Ergänzung zur Digitalisierung – sie ist ihre Voraussetzung.

Die Pflege muss die Entwicklung mitgestalten

Gerade deshalb sollte die Pflege diese Entwicklung nicht lediglich begleiten, sondern aktiv gestalten. In den kommenden Jahren werden Informationsmodelle, FHIR-Profile und Terminologien definiert, die festlegen, wie pflegerische Inhalte künftig digital beschrieben und ausgetauscht werden. Wenn Pflege ihre fachliche Expertise nicht in diesen Prozess einbringt, besteht die Gefahr, dass andere Berufsgruppen definieren, wie pflegerische Informationen künftig digital repräsentiert werden. Pflegeinformatik bedeutet deshalb heute weit mehr als die Einführung neuer Software. Sie bedeutet, die Sprache der Pflege in eine digitale Infrastruktur zu übersetzen, die von allen Beteiligten verstanden werden kann.

Fazit

Die Digitalisierung der Pflege wird letztlich nicht daran gemessen werden, wie viele Anwendungen in einer Einrichtung eingesetzt werden oder wie modern einzelne Benutzeroberflächen erscheinen. Entscheidend wird sein, ob Informationen sicher, strukturiert und ohne Medienbrüche dort verfügbar sind, wo sie für die Versorgung benötigt werden. FHIR liefert dafür den internationalen Standard. Interoperabilität schafft die notwendige Grundlage. Und genau deshalb entscheidet sich die Zukunft der digitalen Pflege nicht an der nächsten Softwaregeneration, sondern an der Fähigkeit unserer Systeme, miteinander zu kommunizieren.

fhir

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