Ein Tablet im Trabi macht noch keinen Tesla: Warum digitale Pflege mehr braucht als neue Technik
Die Pflege arbeitet längst digital. Trotzdem erleben viele Pflegefachkräfte Digitalisierung nicht als Entlastung, sondern als zusätzliche Pflichtfelder, Logins, Medienbrüche und doppelte Dokumentation. Das Problem ist häufig nicht zu wenig Technik. Das Problem ist, dass wir Digitalisierung noch zu oft bei der Technik beginnen lassen.
Eine kleine Szene bringt dieses Dilemma ziemlich gut auf den Punkt: Eine Pflegefachkraft verschickt eine Nachricht sicher und verschlüsselt über KIM – und greift anschließend zum Telefon, um sicherzustellen, dass die digitale Nachricht auf der anderen Seite auch gelesen wird. Technisch hat alles funktioniert. Im Arbeitsprozess ist trotzdem ein zusätzlicher Schritt entstanden.
Genau darin steckt eine der wichtigsten Erkenntnisse für die Digitalisierung der Pflege: Wenn wir einen neuen digitalen Prozess neben den bisherigen Prozess stellen, haben wir nicht automatisch digitalisiert. Im schlechtesten Fall haben wir die Arbeit verdoppelt.
Digitalisierung ist angekommen – Entlastung noch nicht überall
Digitale Dokumentation, Dienstplanung, mobile Geräte, Medikationsmodule, Portale, Telematikinfrastruktur und inzwischen auch KI sind in vielen Einrichtungen längst Realität. Trotzdem berichten Pflegefachkräfte weiterhin von Doppelerfassung, Medienbrüchen, langsamen Systemen, zusätzlichen Eingaben und Anwendungen, die nicht zu ihren tatsächlichen Arbeitsabläufen passen.
Diese Kritik sollte nicht vorschnell als mangelnde Technikaffinität verstanden werden. Im Gegenteil: Pflegefachkräfte erleben jeden Tag unmittelbar, wo Informationen fehlen, wo Prozesse brechen und wo ein digitales Werkzeug tatsächlich hilft oder lediglich einen neuen Arbeitsschritt erzeugt. Dieses Erfahrungswissen ist deshalb keine Störung eines Digitalisierungsprojekts, sondern eine seiner wichtigsten Ressourcen.
Ein schlechter Prozess bleibt auch digital ein schlechter Prozess
Eine der hartnäckigsten Fehlannahmen lautet, Digitalisierung spare automatisch Zeit. Natürlich kann sie das. Aber nur dann, wenn sich durch die Technologie auch der zugrunde liegende Arbeitsprozess verbessert.
Wird ein unübersichtliches Papierformular lediglich zu einem unübersichtlichen elektronischen Formular, ist noch wenig gewonnen. Werden Informationen weiterhin doppelt erfasst, nur jetzt in zwei Systemen, ist aus Doppelarbeit digitale Doppelarbeit geworden. Und wenn ein Dokument erst elektronisch erzeugt, anschließend ausgedruckt, unterschrieben, eingescannt und wieder digital abgelegt wird, haben wir keinen digitalen Prozess geschaffen, sondern einen Medienbruch technisch konserviert.
Oder zugespitzt formuliert: „Ein Tablet-PC, den man in einen Trabi legt, macht daraus noch keinen Tesla.“
Echte digitale Transformation beginnt deshalb nicht mit der Frage, welches Formular wir auf einen Bildschirm bringen können. Sie beginnt mit der Frage, ob dieses Formular überhaupt noch gebraucht wird, welche Information an welcher Stelle entsteht, wer sie anschließend benötigt und welche Arbeitsschritte durch eine konsequent digitale Prozessgestaltung vollständig entfallen könnten.
Die bessere Frage lautet: Welche Arbeit soll verschwinden?
Vor einem Digitalisierungsprojekt wird häufig gefragt: Welche Software brauchen wir? Welche Funktionen bietet das System? Welche Schnittstelle ist vorhanden? Welche Förderung können wir nutzen?
Pflegeinformatik dreht diese Perspektive um.
Sie fragt zuerst: Welches pflegerische Problem wollen wir eigentlich lösen? Welche Daten entstehen bereits? Welche Informationen werden wirklich benötigt? Welche Arbeitsschritte können entfallen? Welche Risiken entstehen durch den neuen Prozess? Welche Kompetenzen brauchen Mitarbeitende? Und woran erkennen wir später, dass die Technologie tatsächlich einen Nutzen gebracht hat?
Diese Fragen klingen selbstverständlich. In vielen Projekten werden sie jedoch erstaunlich spät gestellt.
Pflege ist nicht das Problem der Digitalisierung
Auch die bekannte Erzählung von den angeblich veränderungsresistenten Anwenderinnen und Anwendern greift zu kurz. Natürlich gibt es Unsicherheit gegenüber neuen Technologien. Aber Pflegefachkräfte erkennen sehr schnell, wenn ein Pflichtfeld fachlich keinen Sinn ergibt, ein digitaler Prozess im Nachtdienst nicht funktioniert oder ein vermeintlich automatisierter Ablauf nur deshalb läuft, weil irgendwo im Hintergrund jemand manuell nacharbeitet.
Pflege ist deshalb nicht das Problem der Digitalisierung. Pflege ist eine der wichtigsten Wissensquellen für gute Digitalisierung.
Wer Pflegefachkräfte frühzeitig beteiligt, bekommt Hinweise auf Prozessbrüche, unnötige Dokumentation, Risiken und reale Entlastungspotenziale. Wer sie erst beteiligt, wenn die Software ausgewählt, konfiguriert und das Projekt praktisch abgeschlossen ist, bekommt dagegen häufig Schulungsbedarf, Widerstand und Workarounds.
Genau deshalb brauchen wir Pflegeinformatik
Digitalisierung ist eben nicht nur Technikbeschaffung. Sie ist Organisationsentwicklung. Sie verändert Kommunikation, Verantwortlichkeiten, Informationsflüsse, Kompetenzen und Arbeitsabläufe. Genau an dieser Schnittstelle zwischen Pflegepraxis, Technologie und Organisation braucht es Menschen, die beide Seiten verstehen und zusammenführen können.
Pflegeinformatik beginnt deshalb nicht beim Computer. Sie beginnt beim pflegerischen Prozess und bei der Frage, wie Informationen und Technologie diesen Prozess sinnvoll unterstützen können.
Das ist auch die zentrale Botschaft des ersten Kapitels meines Buches „Pflegeinformatik“, aus dem die Gedanken dieses Beitrags stammen. Das Kapitel trägt den Titel „Die Pflege im Maschinenraum der Digitalisierung – Warum digitale Werkzeuge allein noch keine digitale Pflege machen“ und führt genau in diese Perspektive ein: Digitalisierung ist nicht automatisch gelungen, nur weil digitale Werkzeuge vorhanden sind. Entscheidend ist, ob Technologie, Prozesse und pflegerische Expertise zusammenwirken.
Das Buch und weitere Informationen dazu findet ihr auch hier auf Pflegeinformatik.org. Auf der Plattform steht zudem Bonusmaterial zum Buch zur Verfügung, mit dem sich einzelne Themen und Fragestellungen aus den Kapiteln weiter vertiefen lassen.
Vielleicht ist deshalb die wichtigste Frage vor dem nächsten Digitalisierungsprojekt nicht: „Was können wir noch digitalisieren?“
Sondern: „Welche Arbeit wollen wir für Pflegefachkräfte wirklich einfacher, sicherer oder überflüssig machen?“
Wie erlebt ihr das in euren Einrichtungen? Welcher Prozess wurde bei euch wirklich besser digitalisiert – und wo ist aus einem analogen Prozess lediglich ein digitaler Trabi geworden?

Dieser Text wurde mit Unterstützung von KI erstellt.

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