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Allgemein · Heiko Mania · Admin · 2 Follower · 24.09.2026 · 11 Aufrufe

Jetzt sollen Gesundheitsdaten endlich fließen und die Pflege ist mittendrin!

Heute durfte ich beim 4. IOP-Summit des Kompetenzzentrums für Interoperabilität im Gesundheitswesen (KIG) in der Berliner Kulturbrauerei zu Gast sein. Das Motto: „Together enabling Dataflow“. Und nach diesem Tag bleibt bei mir vor allem ein Eindruck hängen: Wir diskutieren Interoperabilität inzwischen anders als noch vor einigen Jahren. Weniger als technisches Problem, weniger als Frage einzelner Schnittstellen und zunehmend als grundlegende Voraussetzung dafür, dass eine digitale Gesundheitsversorgung überhaupt funktionieren kann.

Das klingt zunächst selbstverständlich. Ist es aber nicht. Noch immer endet der digitale Informationsfluss im Gesundheitswesen viel zu häufig an Sektorengrenzen, Organisationsgrenzen oder unterschiedlichen IT-Systemen. Dabei kennt ein Patient diese Grenzen nicht. Ob Rettungsdienst, 116117, Notaufnahme, Krankenhaus, ambulante Versorgung oder Pflegeeinrichtung: Informationen müssen dem Versorgungsprozess folgen können. Nicht der Mensch sollte die Informationslogistik unseres Gesundheitswesens übernehmen müssen. Die Systeme müssen es tun.

Genau deshalb fand ich die Diskussionen über Kernprofile, FHIR und gemeinsame Standards wichtig. FHIR hat sich inzwischen zu einem zentralen Baustein der deutschen Interoperabilitätsstrategie entwickelt. Wer allerdings in realen Projekten damit arbeitet, weiß auch: Viele einzelne FHIR-Spezifikationen ergeben noch lange kein interoperables Gesamtsystem. Zwei Systeme sind nicht automatisch interoperabel, nur weil beide grundsätzlich FHIR sprechen. Entscheidend ist, dass sie dieselben Informationen auch gleich interpretieren.

Und dann kam für mich einer der wichtigsten Punkte des Tages: Pflege war sichtbar.

Gemeinsam mit dem Kompetenzzentrum Digitalisierung und Pflege wurde beim Summit die Frage aufgegriffen, wie Pflegeinformationen einfacher und strukturierter weitergegeben werden können. Ausgangspunkt ist unter anderem der PIO-Überleitungsbogen. Dahinter steckt aber eine viel größere Frage: Welche pflegerischen Informationen müssen eigentlich mindestens strukturiert verfügbar sein, damit sie zwischen verschiedenen Versorgungsbereichen sinnvoll ausgetauscht werden können?

Diese Frage halte ich für zentral. Pflege produziert jeden Tag eine enorme Menge klinisch relevanter Informationen: Mobilität, Ernährung, Ausscheidung, Kognition, Schmerzen, Wunden, Risiken, Unterstützungsbedarf, Ressourcen und vieles mehr. Doch ein großer Teil dieser Informationen bleibt in den jeweiligen Primärsystemen eingeschlossen. Beim Wechsel des Versorgungssettings werden daraus dann PDFs, Freitexte, Ausdrucke oder Informationen, die von Pflegefachpersonen erneut erhoben werden müssen.

Das kann im Jahr 2026 nicht unser Zielbild sein.

Deshalb sollten wir die Diskussion um eine Baseline für Pflegeinformationen noch größer denken. Deutschland braucht aus meiner Sicht einen sektorenübergreifend nutzbaren pflegerischen Kerndatensatz. Nicht als gigantisches Datenmodell, das versucht, jede Besonderheit jeder pflegerischen Situation abzubilden. Sondern als verbindlichen Kern klinisch relevanter Pflegeinformationen: standardisiert, semantisch eindeutig, interoperabel und möglichst FHIR-basiert.

Dieser Kern müsste in Krankenhäusern genauso funktionieren wie in der Langzeitpflege und der ambulanten Pflege – und natürlich perspektivisch auch dort verfügbar sein, wo Gesundheitsinformationen sektorenübergreifend zusammenlaufen.

Dabei gibt es einen Punkt, der mir besonders wichtig ist: Pflege darf nicht erst gefragt werden, wenn die technischen Strukturen bereits definiert sind. Pflege muss bei ihrer Definition mit am Tisch sitzen.

Mit dem European Health Data Space wird diese Frage noch dringlicher. Wenn Gesundheitsdaten künftig europäisch interoperabel verfügbar und für Versorgung, Forschung und weitere zulässige Zwecke nutzbar werden sollen, müssen wir eindeutig beschreiben können, was pflegerische Informationen bedeuten. Deshalb gehören technische Interoperabilität, FHIR, Terminologien und semantische Interoperabilität untrennbar zusammen.

Und dann ist da natürlich noch die künstliche Intelligenz. Wir sprechen derzeit überall über KI im Gesundheitswesen, über Sprachmodelle, Agenten und klinische Assistenzsysteme. Dabei wird manchmal vergessen, worauf diese Systeme angewiesen sind: Daten.

Wir werden keine wirklich leistungsfähigen und skalierbaren KI-Anwendungen für die Pflege entwickeln, wenn wesentliche pflegerische Informationen weiterhin in Freitexten, PDFs oder proprietären Datenstrukturen verschwinden. Interoperabilität ist deshalb für mich längst nicht mehr nur Schnittstellentechnik. Interoperabilität ist KI-Infrastruktur.

FHIR, Terminologien, semantische Modelle und strukturierte Pflegedaten mögen weniger spektakulär klingen als der nächste KI-Agent. Aber ohne diese Grundlagen werden viele der heute diskutierten KI-Visionen kaum über Pilotprojekte hinauskommen.

Mein Resümee aus Berlin ist deshalb positiv, aber mit einem klaren Auftrag verbunden: Interoperabilität wird erwachsen. Wir bewegen uns langsam weg von der Diskussion einzelner Schnittstellen und hin zu der Frage, wie Daten tatsächlich durch unsere Versorgungslandschaft fließen können.

Für die Pflege beginnt damit aber erst die eigentliche Arbeit. Wir brauchen eine starke pflegeinformatische Perspektive auf Kernprofile, Semantik, EHDS und ePA. Wir brauchen einen gemeinsamen Kern strukturierter pflegerischer Informationen. Und wir brauchen Pflegefachpersonen und Pflegeinformatiker:innen dort, wo die Standards für das digitale Gesundheitswesen der kommenden Jahre entstehen.

Denn am Ende entscheidet sich erfolgreiche Digitalisierung nicht daran, wie viele Daten wir übertragen können. Entscheidend ist, ob die richtige Information zur richtigen Zeit, in der richtigen Bedeutung bei dem Menschen ankommt, der sie für die Versorgung benötigt.

Nach dem heutigen IOP-Summit würde ich das Motto deshalb gerne noch um einen Gedanken ergänzen:

„Together enabling Dataflow“ funktioniert nur, wenn die Pflege Teil dieses Dataflows ist.


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