Wenn der Gehstock zum KI-Assistenten wird: Was „Physical AI“ für die Pflege bedeuten könnte
Künstliche Intelligenz verlässt zunehmend den Bildschirm. Ein KI-gestützter Gehstock von Lgenie verbindet ein klassisches Hilfsmittel mit Conversational AI und zeigt damit eine Entwicklung, die für die Pflegeinformatik interessanter sein könnte als der einzelne Anwendungsfall vermuten lässt.
Wenn wir derzeit über Künstliche Intelligenz in der Pflege sprechen, denken wir meistens an Software: KI-gestützte Dokumentation, Chatbots, Entscheidungsunterstützung oder Systeme, die vorhandene Gesundheitsdaten analysieren. Ein aktuelles Beispiel aus der Altenhilfe zeigt jedoch eine andere Richtung. Das Unternehmen Lgenie hat einen intelligenten Gehstock entwickelt, bei dem KI nicht mehr auf einem zusätzlichen Bildschirm stattfindet, sondern unmittelbar Bestandteil eines alltäglichen Hilfsmittels wird. Die technische Infrastruktur für die sprachbasierte Interaktion stammt von Agora.
Der Ansatz klingt zunächst simpel: Ältere Menschen sollen mit dem Gehstock sprechen und während ihrer alltäglichen Wege Informationen oder Unterstützung erhalten können, ohne dafür stehen bleiben, ein Smartphone hervorholen und eine App bedienen zu müssen. Gerade diese scheinbare Nebensächlichkeit macht das Konzept aus meiner Sicht interessant. Nicht der Mensch muss sich an eine weitere digitale Benutzeroberfläche anpassen, sondern die digitale Funktion wird in einen Gegenstand integriert, den er ohnehin benutzt.
KI verschwindet im Hilfsmittel
Vielleicht erleben wir hier einen nächsten Entwicklungsschritt digitaler Assistenz.
Bisher bedeutete Digitalisierung häufig, dass Menschen zusätzlich mit Technik interagieren mussten. Eine App öffnen, sich anmelden, ein Menü auswählen, Informationen eingeben und anschließend die richtige Funktion finden. Das funktioniert für viele Anwendungen gut, kann aber gerade bei älteren oder kognitiv eingeschränkten Menschen selbst zu einer Barriere werden.
Bei sogenannten AI-native Devices verschiebt sich dieses Prinzip. Die Intelligenz wird Bestandteil eines ohnehin vorhandenen Gegenstands und Sprache wird zur Benutzeroberfläche.
Im Fall des Lgenie-Gehstocks soll die Kommunikation in natürlicher Sprache auch unterwegs und unter wechselnden Netzbedingungen funktionieren. Agora nennt für die implementierte Infrastruktur eine durchschnittliche Antwortlatenz von rund 400 Millisekunden und hebt insbesondere die Fähigkeit hervor, Unterbrechungen innerhalb eines Gesprächs zuverlässig zu verarbeiten. Diese Zahlen stammen allerdings aus Angaben der beteiligten Unternehmen und sollten entsprechend als Herstellerangaben und nicht als unabhängiger Wirksamkeitsnachweis verstanden werden.
Genau diese technischen Details sind bei assistiven Technologien keineswegs nebensächlich. Ein Sprachassistent, der nach jeder Äußerung mehrere Sekunden benötigt oder in einer lauten Umgebung ständig missversteht, was sein Nutzer möchte, wird schnell nicht mehr verwendet. Bei einem Assistenzsystem, auf das Menschen möglicherweise im Alltag vertrauen, werden Latenz, Verfügbarkeit und Fehlertoleranz zu Qualitätsmerkmalen der Versorgungstechnologie.
Vom Smart Device zum digitalen Begleiter
Interessant ist deshalb weniger die Frage, ob wir künftig alle einen sprechenden Gehstock benötigen. Spannender ist das dahinterliegende Konzept.
Sensorik, KI, Sprachinteraktion und ein alltäglicher Gegenstand wachsen zusammen.
Aus einem passiven Hilfsmittel könnte damit perspektivisch ein kontextsensitives Assistenzsystem werden. Denkbar sind beispielsweise Navigation und Orientierung, Erinnerungen, Kommunikation, die Erkennung bestimmter Situationen oder die Verbindung zu weiteren Diensten und Assistenzsystemen.
Die Forschung zu intelligenten Gehstöcken zeigt bereits, wie weit dieses Feld grundsätzlich reicht. Untersucht werden unter anderem Ultraschall-, Infrarot- und LiDAR-Sensoren, Kameras, GPS, SLAM-Verfahren zur räumlichen Orientierung sowie KI-basierte Objekt- und Hinderniserkennung. Moderne Konzepte kombinieren solche Technologien zunehmend mit Sprach- oder haptischem Feedback.
Damit wird aus dem einzelnen Hilfsmittel potenziell ein digitaler Zugangspunkt zur Umgebung eines Menschen.
Und genau an dieser Stelle beginnt die Relevanz für die Pflegeinformatik.
Was passiert mit den Informationen?
Ein intelligenter Gehstock kann für sich genommen hilfreich sein. Aus pflegeinformatischer Perspektive wird es jedoch spätestens dann interessant, wenn solche Geräte Informationen erzeugen, die auch für Versorgung und Pflege relevant sein könnten.
Nehmen wir einmal an, ein zukünftiges System erkennt Veränderungen in Mobilität, Gehgeschwindigkeit oder Bewegungsmustern. Vielleicht registriert es Unsicherheiten oder wiederkehrende Situationen, in denen Unterstützung benötigt wird.
Dann entstehen plötzlich Informationen, die auch für Pflegefachkräfte interessant sein könnten.
Die entscheidenden Fragen lauten dann nicht mehr nur:
Was kann der Gehstock?
Sondern:
Welche Informationen entstehen dabei? Wer darf sie verwenden? Wie werden sie interpretiert? Und wie gelangen relevante Informationen in die Versorgung?
Genau dort treffen Assistenztechnologie und Pflegeinformatik aufeinander.
Ein weiteres Dashboard, das Pflegefachkräfte zusätzlich öffnen müssen, wäre beispielsweise keine besonders überzeugende Lösung. Ein zusätzlicher Alarmkanal ebenfalls nicht.
Wenn solche Systeme zukünftig Bestandteil professioneller Versorgung werden sollen, brauchen wir deshalb Interoperabilität, sinnvolle Informationsmodelle und vor allem klare Regeln dafür, welche Informationen überhaupt pflegerisch relevant sind.
Ein gutes Beispiel für das Digital Nursing Outcome Assessment
Der intelligente Gehstock wäre übrigens ein interessanter Kandidat für das von uns gerade auf Pflegeinformatik.org diskutierte Digital Nursing Outcome Assessment (DNOA).
Denn man könnte sich sehr schnell von der technischen Faszination beeindrucken lassen.
Ein Gehstock mit Sensorik und KI klingt innovativ. Aber Innovation allein ist noch kein Outcome.
Ein DNOA würde andere Fragen stellen: Steigt die Selbstständigkeit? Verbessert sich die Mobilität? Fühlen sich Nutzer sicherer? Werden Pflege- oder Betreuungspersonen tatsächlich entlastet? Entstehen weniger kritische Situationen? Wie hoch ist die zusätzliche digitale Belastung? Wie häufig funktioniert die Spracherkennung nicht? Werden Fehlalarme erzeugt? Und entsteht durch die gewonnenen Informationen möglicherweise sogar zusätzlicher Arbeitsaufwand?
Erst wenn wir solche Fragen beantworten, können wir beurteilen, ob aus einem Smart Device tatsächlich eine sinnvolle Pflegeinnovation geworden ist.
Physical AI könnte für die Pflege wichtiger werden als der nächste Chatbot
Das Beispiel verweist deshalb auf eine Entwicklung, die wir in der Pflegeinformatik aufmerksam beobachten sollten.
KI wird nicht dauerhaft nur in Chatfenstern stattfinden.
Sie wird zunehmend in Betten, Sensoren, Rollatoren, Hörgeräte, Wearables, Haushaltsgeräte, Mobilitätshilfen und andere Gegenstände unserer alltäglichen Umgebung integriert werden. Agora selbst beschreibt den Lgenie-Anwendungsfall als Teil einer breiteren Entwicklung, bei der Conversational AI aus klassischen Softwareanwendungen in physische Produkte aus Bereichen wie Gesundheitsversorgung, Smart Home, Robotik und Mobilität wandert.
Für die Pflege könnte das eine interessante Verschiebung bedeuten.
Die entscheidende digitale Schnittstelle wäre dann irgendwann möglicherweise nicht mehr der Computer im Dienstzimmer und auch nicht das Smartphone in der Kitteltasche.
Sie wäre die Umgebung selbst.
Und damit bekommt Pflegeinformatik eine weitere Aufgabe: Wir müssen nicht nur digitale Dokumentation und Informationssysteme gestalten. Wir müssen zunehmend darüber nachdenken, wie intelligente physische Systeme mit Menschen, Pflegeprozessen und Gesundheitsinformationen zusammenspielen sollen.
Der KI-Gehstock ist dafür vielleicht nur ein kleines Beispiel.
Aber möglicherweise ein ziemlich gutes Bild dafür, wohin sich digitale Assistenz gerade entwickelt.
👉 Zum Ausgangsartikel: Agora powers AI smart cane for elderly care – BusinessWorld
Wie seht ihr das: Werden AI-native Devices wie intelligente Gehstöcke, Rollatoren oder andere Alltagsgegenstände in der Pflege eine größere Rolle spielen – oder schaffen wir damit am Ende nur eine neue Generation digitaler Insellösungen?

pflegeinformatik.org
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Pflegeinformatik.org verbindet Pflege, Informatik, Wissenschaft und Praxis im deutschsprachigen Raum.
bworldonline.com
Agora powers AI smart cane for elderly care - BusinessWorld Online
Real-time engagement platform Agora is powering an artificial intelligence (AI)-enabled smart cane developed by Lgenie, allowing older adults to interact with the device through l…

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