Wenn der Normalbetrieb endet: Warum Disaster Nursing in jede Pflegeausbildung gehört
Pandemie, Hochwasser, Stromausfall oder Cyberangriff: In Krisensituationen wird schnell über Rettungsdienste, Feuerwehren, Krankenhäuser und technische Infrastruktur gesprochen. Eine Berufsgruppe gerät dabei erstaunlich häufig erst spät in den Blick – obwohl ohne sie die Versorgung besonders vulnerabler Menschen kaum aufrechterhalten werden könnte: die Pflege. Ein neues Projekt der DRK-Schwesternschaft „Bonn“ und des Bundesinstituts für Berufsbildung soll deshalb Disaster Nursing dauerhaft in der Pflegeausbildung verankern.
Die Corona-Pandemie hat uns ziemlich deutlich gezeigt, wie schnell aus einem vermeintlich stabilen Versorgungssystem ein System unter erheblichem Druck werden kann. Die Hochwasserkatastrophe im Ahrtal hat eine andere Seite derselben Problematik sichtbar gemacht und spätestens die zunehmende Abhängigkeit unserer Gesundheitseinrichtungen von digitaler Infrastruktur erweitert die Liste möglicher Krisenszenarien noch einmal erheblich.
Was passiert beispielsweise in einem Pflegeheim, wenn nach einem Cyberangriff plötzlich wesentliche IT-Systeme nicht mehr verfügbar sind? Wie organisieren wir pflegerische Versorgung bei einem länger andauernden Stromausfall? Wie werden Menschen versorgt, wenn Einrichtungen evakuiert werden müssen? Und wissen Pflegefachkräfte eigentlich, welche Rolle sie innerhalb der Strukturen des Bevölkerungsschutzes übernehmen sollen?
Diese Fragen gehören für mich inzwischen genauso zur Diskussion über eine zukunftsfähige Pflege wie künstliche Intelligenz, elektronische Patientenakten oder neue Assistenzsysteme.
Disaster Nursing soll Teil der Pflegeausbildung werden
Genau an diesem Punkt setzt das Projekt MODINA – „Modul Disaster Nursing in der Ausbildung – Krisenresilienz durch Pflegekompetenz“ – an. Im Auftrag des Bundesinstituts für Berufsbildung wurde zwischen August 2024 und Juli 2026 ein Ausbildungsmodul entwickelt, das angehende Pflegefachpersonen gezielt auf das professionelle Handeln in Krisen und Katastrophen vorbereiten soll.
Entstanden ist ein Modul mit 40 Unterrichtseinheiten, das sowohl in der generalistischen Pflegeausbildung als auch in primärqualifizierenden Pflegestudiengängen sowie in Fort- und Weiterbildungen eingesetzt werden kann. Dazu gehören umfangreiche Lehr- und Lernmaterialien sowie realitätsnahe Planspiele.
Bemerkenswert finde ich insbesondere die Auswahl der Szenarien: Die Lernenden beschäftigen sich mit Pandemie, Cyberangriff und Unwetterereignis.
Damit wird Disaster Nursing eben nicht ausschließlich als klassischer Katastrophenschutz verstanden. Es geht vielmehr darum, Pflegefachpersonen auf Situationen vorzubereiten, in denen gewohnte Versorgungsstrukturen plötzlich nicht mehr funktionieren.
Ein gutes Curriculum allein verändert noch keine Ausbildung
Mit der Veröffentlichung eines Unterrichtsmoduls ist allerdings noch nicht sichergestellt, dass dieses Wissen tatsächlich in den Pflegeschulen und Hochschulen ankommt. Genau deshalb startet nun das Folgeprojekt.
Seit dem 1. August 2026 entwickelt die DRK-Schwesternschaft „Bonn“ im Auftrag des BIBB und in Kooperation mit dem Deutschen Pflegerat ein bundesweit nutzbares Qualifizierungsprogramm für Lehrende an Pflegeschulen und Hochschulen. Das Projekt ist auf 18 Monate angelegt und soll nicht nur entsprechende Fortbildungsangebote entwickeln, sondern gleichzeitig ein Netzwerk aus Lehrenden, Expertinnen und Experten sowie Institutionen aufbauen.
Das halte ich für einen wichtigen Schritt. Denn wir erleben bei der Digitalisierung der Pflege ein ganz ähnliches Problem: Neue Themen lassen sich vergleichsweise schnell in Rahmenpläne, Curricula oder Strategiepapiere aufnehmen. Schwieriger wird es bei der Frage, wer dieses Wissen eigentlich vermitteln soll und welche Kompetenzen Lehrende dafür selbst benötigen.
Bei Disaster Nursing dürfte diese Herausforderung noch größer sein. Schließlich geht es nicht darum, ein zusätzliches Kapitel über Katastrophenschutz in den Unterricht einzubauen. Pflegefachpersonen müssen lernen, unter völlig veränderten Rahmenbedingungen Entscheidungen zu treffen und Versorgung zu organisieren.
Was passiert mit Pflege, wenn die IT plötzlich nicht mehr funktioniert?
Gerade aus Sicht der Pflegeinformatik ist das Thema ausgesprochen interessant.
Unsere Versorgung wird immer digitaler. Medikationsinformationen, Pflegeplanung, Vitalwerte, ärztliche Anordnungen, Dienstplanung, Kommunikation und zunehmend auch Medizintechnik sind Bestandteil vernetzter Informationssysteme. Im Normalbetrieb steigert das Verfügbarkeit und Effizienz. Gleichzeitig wächst damit jedoch eine neue Form der Abhängigkeit.
Ein Cyberangriff auf ein Krankenhaus oder eine Pflegeeinrichtung ist deshalb längst nicht mehr ausschließlich ein Problem der IT-Abteilung.
Wenn zentrale Systeme ausfallen, wird daraus sehr schnell ein pflegerisches Problem. Welche Medikamente benötigt ein Patient? Welche Risiken wurden dokumentiert? Welche Maßnahmen sind geplant? Welche Bewohner müssen besonders beobachtet werden? Welche Informationen können noch abgerufen werden und welche Entscheidungen müssen plötzlich ohne die gewohnte digitale Unterstützung getroffen werden?
Dass MODINA einen Cyberangriff ausdrücklich als Planspiel aufgreift, ist deshalb mehr als ein interessantes Detail. Es zeigt, dass digitale Resilienz und pflegerische Handlungskompetenz zunehmend zusammengedacht werden müssen.
Pflegeinformatik beschäftigt sich damit nicht nur mit der Frage, wie wir Informationen möglichst gut digital bereitstellen. Sie muss sich ebenso damit beschäftigen, wie Versorgung funktioniert, wenn genau diese Informationen zeitweise nicht digital verfügbar sind.
Resilienz bedeutet mehr als einen Notfallordner im Schrank
Viele Einrichtungen verfügen über Notfallpläne, Ausfallkonzepte und Business-Continuity-Dokumente. Die entscheidende Frage lautet allerdings, ob Menschen in einer tatsächlichen Krisensituation wissen, was sie tun müssen.
Genau hier sind Planspiele interessant. Sie zwingen Lernende dazu, Entscheidungen unter Bedingungen zu treffen, die sich vom normalen Versorgungsalltag unterscheiden. Informationen fehlen, Ressourcen sind begrenzt und Prioritäten verändern sich.
Das ist für die Pflege besonders relevant, weil sie Versorgung rund um die Uhr aufrechterhält. Pflegefachpersonen sind häufig diejenigen, die Veränderungen zuerst wahrnehmen, Informationen zusammenführen und unmittelbar handeln müssen. In Einrichtungen der Langzeitpflege oder ambulanten Versorgung kommt hinzu, dass hochvulnerable Menschen teilweise weit außerhalb der klassischen Strukturen des Katastrophenschutzes versorgt werden.
Die Frage lautet deshalb nicht nur, ob Pflege im Katastrophenfall gebraucht wird. Das dürfte unstrittig sein.
Die entscheidende Frage ist, ob wir Pflegefachpersonen systematisch darauf vorbereiten, in solchen Situationen professionell handeln zu können.
Disaster Nursing ist auch ein Professionalisierungsthema
Für mich steckt darin noch eine zweite Dimension. Wenn Pflege im Bevölkerungsschutz eine tragende Rolle übernehmen soll, muss sie dort auch strukturell mitgedacht werden.
Pflegefachpersonen dürfen nicht erst dann Teil der Krisenstrategie werden, wenn eine Katastrophe bereits eingetreten ist und plötzlich festgestellt wird, dass die Versorgung von alten, chronisch kranken, pflegebedürftigen oder intensiv versorgten Menschen organisiert werden muss.
Pflegeexpertise gehört deshalb bereits in die Planung.
Welche Patientinnen und Patienten sind besonders gefährdet? Welche Versorgung kann unter eingeschränkten Bedingungen noch stattfinden? Welche Ressourcen sind unverzichtbar? Welche pflegerischen Leistungen müssen priorisiert werden? Welche Informationen müssen auch bei einem Systemausfall verfügbar bleiben?
Das sind Fragen, zu deren Beantwortung Pflegefachpersonen eine eigene professionelle Perspektive beitragen können.
Disaster Nursing kann deshalb mehr sein als eine zusätzliche Qualifikation. Es kann dazu beitragen, die Rolle der Pflege innerhalb des Bevölkerungsschutzes neu zu definieren.
Vielleicht müssen wir digitale Kompetenz noch einmal weiterdenken
Wir diskutieren derzeit intensiv darüber, welche digitalen Kompetenzen Pflegefachpersonen für die Zukunft benötigen. Dabei stehen häufig die Nutzung digitaler Anwendungen, Datenkompetenz und inzwischen natürlich künstliche Intelligenz im Mittelpunkt.
MODINA ergänzt diese Diskussion um eine interessante Perspektive.
Digitale Kompetenz könnte zukünftig auch bedeuten, mit dem zeitweisen Verlust digitaler Systeme professionell umgehen zu können.
Wer eine vollständig digitalisierte Versorgung gestalten möchte, muss sich zwangsläufig auch mit deren Ausfallsicherheit beschäftigen. Dazu gehören technische Redundanzen und IT-Sicherheitskonzepte. Aber ebenso wichtig sind Menschen, die wissen, wie Versorgung weitergeführt werden kann, wenn die Technik einmal nicht zur Verfügung steht.
Vielleicht gehört Disaster Nursing deshalb viel stärker in die Pflegeinformatik, als es auf den ersten Blick erscheint.
Denn die entscheidende Frage einer resilienten digitalen Versorgung lautet nicht nur:
Was kann unsere Technologie im Normalbetrieb leisten?
Sondern ebenso:
Was kann unsere Pflege noch leisten, wenn der Normalbetrieb plötzlich nicht mehr existiert?
Genau darauf sollten wir Pflegefachpersonen bereits während ihrer Ausbildung vorbereiten.
Quellen und weiterführende Informationen: Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB), Projekt MODINA – Modul Disaster Nursing in der Ausbildung; DRK-Schwesternschaft „Bonn“ e.V.; MODINA – Krisenresilienz durch Pflegekompetenz; Häusliche Pflege, „Disaster Nursing: DRK-Schwesternschaft Bonn startet BIBB-Projekt zur Qualifizierung für Lehrende“, 31. Juli 2026.


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