Wenn Technik Menschen wieder auf Augenhöhe bringt: Was Exoskelette für die Pflege bedeuten
Ein Mann aus Arnsberg kann nach zwölf Jahren wieder stehen und gehen – mithilfe eines Exoskeletts. Die Geschichte ist bewegend. Für die Pflege ist sie aber noch aus einem anderen Grund interessant: Sie zeigt, wie sich die Grenze zwischen Hilfsmittel, Rehabilitation und digital unterstützter Versorgung zunehmend verschiebt.
Manchmal wird der Nutzen einer Technologie nicht durch eine Studie, eine Kennzahl oder eine Produktbeschreibung verständlich, sondern durch einen scheinbar kleinen Moment im Alltag. Der WDR berichtet aktuell über Christopher Denz aus Arnsberg, dessen Beine seit zwölf Jahren vollständig gelähmt sind. Seit einigen Wochen kann der 37-Jährige mithilfe eines Exoskeletts wieder stehen und gehen. Besonders eindrücklich ist dabei die Reaktion seines neunjährigen Sohnes, der seinen Vater bis dahin ausschließlich im Rollstuhl erlebt hatte und plötzlich feststellt, wie groß sein Vater eigentlich ist.
Das klingt zunächst nach einer dieser Geschichten über technischen Fortschritt, die vor allem emotional berühren. Für Pflegefachkräfte, Pflegeinformatiker und Pflegemanager steckt darin allerdings eine wesentlich grundsätzlichere Frage: Was passiert eigentlich mit Pflege, Rehabilitation und Teilhabe, wenn Technik nicht mehr nur kompensiert, sondern Menschen Fähigkeiten zumindest teilweise zurückgeben kann?
Vom Hilfsmittel zum aktiven Bestandteil der Versorgung
Das Exoskelett, das Christopher Denz nutzt, ist kein Roboter, der ihm das Gehen vollständig abnimmt. Das System wird mit Gurten an Füßen, Beinen, Hüfte und Brust befestigt. Motoren unterstützen das Aufstehen und bewegen die Beine beim Gehen oder Treppensteigen. Zur Stabilisierung benötigt Denz weiterhin zwei Stützen und auch das Treppensteigen ist nur mit Unterstützung einer weiteren Person möglich.
Gerade diese Details sind für die pflegerische Betrachtung entscheidend. Denn sie zeigen, dass solche Systeme Menschen nicht einfach unabhängig von professioneller Unterstützung machen. Vielmehr entsteht eine neue Form der Zusammenarbeit zwischen Mensch, Technik und professionell Begleitenden.
Vier Monate Training waren nach Angaben des WDR notwendig, bevor Denz das Exoskelett entsprechend nutzen konnte. Dabei musste er unter anderem lernen, sein Körpergewicht neu auszubalancieren. Begleitet wurde er durch Physiotherapie. Heute kann er damit innerhalb seiner Wohnung gehen, Gegenstände aus höher gelegenen Schränken erreichen und mit Unterstützung sogar Treppen bewältigen.
Genau an diesem Punkt wird aus einer faszinierenden Technikgeschichte ein Thema für die Pflegeinformatik.
Digitalisierung in der Pflege muss nicht immer ein Bildschirm sein
Wenn wir über Digitalisierung in der Pflege sprechen, denken wir häufig zuerst an elektronische Patientenakten, digitale Pflegedokumentation, Sprachsteuerung, Sensorik oder inzwischen natürlich an künstliche Intelligenz. Dabei ist die Digitalisierung der Versorgung längst wesentlich umfassender.
Ein Exoskelett verbindet Mechanik, Sensorik, Steuerungstechnik und Software unmittelbar mit dem menschlichen Körper. Technologie sitzt hier nicht mehr auf dem Schreibtisch im Stationszimmer und sie steckt auch nicht ausschließlich im Smartphone oder Tablet. Sie wird Teil einer konkreten pflegerischen und rehabilitativen Handlungssituation.
Für die Pflege bedeutet das, digitale Kompetenz künftig breiter zu verstehen. Pflegefachkräfte müssen nicht jedes technische Detail eines Exoskeletts kennen. Sie müssen aber beurteilen können, welche Auswirkungen eine solche Technologie auf Mobilität, Sturzrisiko, Selbstständigkeit, Ressourcen, Pflegeziele und den Unterstützungsbedarf eines Menschen hat.
Und genau hier beginnt eine Aufgabe, die wir in der Diskussion über neue Technologien häufig unterschätzen.
Was bedeutet „selbstständig“, wenn Technik beteiligt ist?
Die Geschichte von Christopher Denz macht deutlich, wie schnell unsere klassischen Kategorien an ihre Grenzen geraten können. Ist ein Mensch selbstständig mobil, wenn er sich mithilfe eines Exoskeletts fortbewegen kann? Ist er teilweise selbstständig, weil er weiterhin Stützen benötigt? Wie bewerten wir das Treppensteigen, wenn dafür eine zweite Person erforderlich ist?
Das sind keineswegs akademische Fragen. Pflege arbeitet mit Assessments, Pflegezielen, Ressourcenbeschreibungen und Ergebniskriterien. Mobilität wird eingeschätzt und dokumentiert und Veränderungen müssen nachvollziehbar beschrieben werden. Wenn technische Assistenzsysteme zunehmend Fähigkeiten ermöglichen, die ohne diese Technik nicht vorhanden wären, müssen unsere Informationsmodelle diese neue Realität ebenfalls abbilden können.
Ein digitaler Pflegeprozess müsste beispielsweise unterscheiden können, ob ein Mensch eine Aktivität ohne Unterstützung, mit personeller Unterstützung, mit einem klassischen Hilfsmittel oder mithilfe eines intelligenten Assistenzsystems durchführen kann. Noch interessanter wird es, wenn sich diese Faktoren miteinander kombinieren.
Damit verändert sich nicht nur die Versorgung, sondern auch die Information über Versorgung.
Die vielleicht wichtigere Innovation ist Lebensqualität
Besonders interessant finde ich an der Geschichte allerdings einen anderen Aspekt. Technologische Innovation wird im Gesundheitswesen gerne über Effizienz diskutiert: Wie viele Minuten Pflegezeit lassen sich einsparen? Wie viele Transfers können vermieden werden? Wie verändert sich der Personalbedarf?
Diese Fragen sind legitim. Sie erzählen aber nur einen Teil der Geschichte.
Der WDR beschreibt beispielsweise, dass Christopher Denz seine Frau nach vielen Jahren wieder im Stehen umarmen kann. Seine Frau beschreibt, wie anders es sich anfühlt, ihren Mann wieder auf Augenhöhe vor sich zu haben. Für den Sohn wiederum verändert sich buchstäblich die Perspektive auf seinen Vater.
Keine dieser Veränderungen lässt sich sinnvoll mit „eingesparten Pflegeminuten“ beschreiben.
Und vielleicht liegt genau darin eine wichtige Botschaft für die Digitalisierung der Pflege: Wir sollten den Nutzen neuer Technologien nicht ausschließlich daran messen, ob sie professionelle Arbeit effizienter machen. Eine Technologie kann auch dann einen erheblichen Wert besitzen, wenn sie Selbstwirksamkeit, soziale Teilhabe, Autonomie oder schlicht Lebensqualität verbessert.
Gerade Pflege sollte diese Perspektive in die Digitalisierungsdiskussion einbringen.
Technologie verändert auch die Rolle der Pflegefachkraft
Je leistungsfähiger Assistenzsysteme werden, desto häufiger wird Pflege mit Technologien arbeiten, die unmittelbar in menschliche Fähigkeiten eingreifen. Exoskelette sind dafür nur ein Beispiel. Robotische Systeme, intelligente Prothesen, sensorbasierte Mobilitätshilfen, sprachgesteuerte Assistenzsysteme und KI-basierte Unterstützung werden ähnliche Fragen aufwerfen.
Damit entsteht eine interessante Verschiebung: Pflegefachkräfte werden zukünftig nicht nur Menschen bei Aktivitäten unterstützen. Sie werden zunehmend Menschen dabei begleiten, mithilfe von Technologie Aktivitäten wieder selbst durchführen zu können.
Das klingt zunächst nach einem kleinen Unterschied, könnte professionell aber erheblich sein. Denn Pflege muss dann beurteilen können, wann Technologie sinnvoll eingesetzt werden kann, welche Risiken entstehen, welche Fähigkeiten erhalten oder gefördert werden und wann technische Unterstützung möglicherweise sogar neue Abhängigkeiten erzeugt.
Pflegeinformatik wird damit ebenfalls mehr als die Digitalisierung der Pflegedokumentation. Sie beschäftigt sich zunehmend mit der Frage, wie Mensch, Information und Technologie innerhalb eines Versorgungssystems zusammenspielen.
Wir brauchen andere Kriterien für digitale Entlastung
Gerade vor dem Hintergrund der aktuellen Diskussion über Fachkräftemangel und digitale Entlastung sollten solche Beispiele nachdenklich machen. Der Erfolg einer Technologie lässt sich nicht ausschließlich daran messen, ob Pflegekräfte anschließend weniger Arbeit haben.
Vielleicht sollten wir häufiger fragen: Was kann ein Mensch durch diese Technologie wieder selbst tun, was vorher nicht möglich war?
Das wäre eine bemerkenswerte Veränderung der Perspektive. Digitalisierung würde dann nicht nur bedeuten, bestehende Pflegeprozesse schneller oder effizienter abzuwickeln. Sie könnte dazu beitragen, den Unterstützungsbedarf selbst zu verändern.
Natürlich darf man aus einem einzelnen Beispiel keine allgemeine Wirksamkeitsaussage über Exoskelette ableiten. Auch der WDR-Bericht zeigt, dass Training, körperliche Voraussetzungen und weiterhin vorhandene Unterstützung eine entscheidende Rolle spielen.
Aber gerade deshalb lohnt sich die Geschichte.
Denn sie zeigt sehr anschaulich, worüber wir bei Digitalisierung in der Pflege eigentlich sprechen sollten: nicht nur über Software, Schnittstellen und künstliche Intelligenz, sondern darüber, wie Technologie Fähigkeiten, Selbstständigkeit und Teilhabe verändern kann und welche Rolle professionelle Pflege in dieser neuen Verbindung zwischen Mensch und Technik übernehmen soll.
Vielleicht ist deshalb die spannendste Frage gar nicht, ob Exoskelette irgendwann Pflegekräfte entlasten können.
Die spannendere Frage lautet: Wie verändert sich Pflege, wenn Technologie Menschen Dinge zurückgibt, bei denen sie bisher auf pflegerische Unterstützung angewiesen waren?
Und darauf sollten wir als Pflegeprofession eine eigene Antwort entwickeln.
Quelle: WDR, „Mit Exoskelett – Querschnittgelähmter kann wieder gehen“, aktualisiert am 22. August 2026. https://www1.wdr.de/nrw/sauerland-siegerland/hochsauerlandkreis/querschnittgelaehmter-arnsberger-kann-wieder-gehen-100.html
www1.wdr.de
Exoskelett änderte sein Leben - Querschnittgelähmter aus Arnsberg kann wieder gehen
Seit zwölf Jahren sind die Beine von Christopher Denz komplett gelähmt. Doch seit sechs Wochen kann der Arnsberger wieder gehen.

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