Wie messen wir, ob Digitalisierung die Pflege wirklich entlastet? – Neue DNOA-Initiative gestartet
Digitale Technologien werden in der Pflege fast immer mit einem Versprechen eingeführt: Sie sollen Pflegefachkräfte entlasten. Doch wie messen wir eigentlich, ob dieses Versprechen nach der Einführung tatsächlich eingelöst wird?
Eine Sprachdokumentation kann Eingabezeit sparen und gleichzeitig neuen Kontroll- und Korrekturaufwand erzeugen. Sensorik kann Laufwege reduzieren und zugleich zusätzliche Alarme verursachen. Ein neues digitales System kann einzelne Prozessschritte beschleunigen und durch fehlende Interoperabilität an anderer Stelle neue Arbeit schaffen.
Genau deshalb haben wir auf Pflegeinformatik.org die neue Initiative Digital Nursing Outcome Assessment (DNOA) gestartet.
Von der Technologie zur tatsächlichen Wirkung
DNOA soll ein offenes Rahmenmodell entwickeln, mit dem digitale Entlastungstechnologien nicht danach bewertet werden, ob sie erfolgreich installiert oder ausgerollt wurden, sondern danach, welche nachweisbare Wirkung sie auf Pflegearbeit und Versorgung haben.
Im Mittelpunkt stehen sechs Wirkungsdimensionen: Pflegezeit, Prozesswirkung, Pflegequalität, Auswirkungen auf Pflegefachkräfte, Auswirkungen auf Patient:innen und Bewohner:innen sowie Information und digitale Integration.
Dabei soll ausdrücklich nicht nur die Brutto-Zeitersparnis betrachtet werden. Entscheidend ist die Netto-Wirkung einer Technologie. Zusätzlicher Kontroll-, Korrektur-, Bedien- oder Dokumentationsaufwand muss deshalb ebenso berücksichtigt werden wie neue Systemwechsel, Doppelerfassungen oder technische Belastungen.
Nursing Time Returned statt Anzahl installierter Lizenzen
Eine zentrale Kennzahl des Modells ist der Nursing Time Returned (NTR). Sie soll ausdrücken, wie viel professionelle Pflegezeit eine Technologie tatsächlich pro Pflegefachkraft und Schicht oder innerhalb eines definierten Prozesses zurückgibt.
Vereinfacht gilt:
NTR = eingesparte Arbeitszeit – neu entstandener digitaler Aufwand
Ergänzt wird diese Perspektive durch einen Digital Burden Index (DBI), der zusätzliche digitale Belastungen wie Logins, Klicks, Systemwechsel, Fehlalarme, Korrekturen oder Doppelerfassungen sichtbar machen soll.
Damit verändert sich auch die zentrale Frage eines Digitalisierungsprojektes. Statt zu fragen, wie viele Geräte, Anwendungen oder Lizenzen eingeführt wurden, müssten wir fragen: Wie viel professionelle Pflegezeit haben wir dadurch tatsächlich zurückgewonnen und was hat sich gleichzeitig an Qualität und Belastung verändert?
Besonders aktuell durch die Transformationsstellen
Eine zusätzliche Bedeutung bekommt diese Frage durch die Diskussion um die geplanten Transformationsstellenanteile nach § 113e SGB XI. Wenn künftig finanzielle Ressourcen aus nicht realisierbaren Personalstellenanteilen gezielt in entlastende Technologie fließen können, benötigen wir auch Instrumente, mit denen sich deren Wirkung nachvollziehbar bewerten lässt.
Während § 113e damit perspektivisch beantworten könnte, wie entlastende Technologie finanziert wird, soll DNOA einen Beitrag zur zweiten Frage leisten: Hat die finanzierte Technologie Pflege tatsächlich entlastet?
Die Initiative ist ausdrücklich offen
DNOA ist zunächst ein Diskussions- und Entwicklungsrahmen. Geplant sind ein DNOA 1.0 Draft Standard, ein praxistauglicher Assessmentbogen, ein Kennzahlenset, ein Wirkungsdashboard und anschließend die Erprobung anhand konkreter Technologien wie Sprachdokumentation, Sensorik, automatischer Vitalwertübernahme, Touren- und Dienstplanung oder KI-basierten Assistenzsystemen.
Dafür brauchen wir unterschiedliche Perspektiven. Eingeladen sind Pflegefachkräfte, Pflegeinformatiker:innen, Pflegemanagement, Pflegewissenschaft, Hochschulen, Leistungserbringer, Technologieanbieter und alle, die sich mit der Frage beschäftigen, wie digitale Entlastungswirkung in der Pflege sinnvoll gemessen werden kann.
👉 Zur Initiative „Digital Nursing Outcome Assessment (DNOA)“
Mich interessiert dabei besonders die Diskussion aus der Praxis: Welche Kennzahl müsste für euch zwingend Bestandteil eines solchen Assessments sein? Und woran würdet ihr persönlich festmachen, dass eine digitale Technologie Pflege wirklich entlastet?
pflegeinformatik.org
Pflegeinformatik
Pflegeinformatik.org verbindet Pflege, Informatik, Wissenschaft und Praxis im deutschsprachigen Raum.

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